Hinter den Kulissen einer erfolgreichen Saison: Im Gespräch mit Fynn Nicolaus
Von außen ist die bisherige Saison der SG BBM Bietigheim schnell erzählt: Tabellenführer, Siegesserien, ein potenzieller Aufstieg. Der Weg zurück in die 1. Handball-Bundesliga scheint zum Greifen nah. Kurz gesagt: Euphorie über eine Mannschaft, die funktioniert. Doch wer hinter die Kulissen blickt, merkt schnell, dass Erfolg selten so eindeutig ist, wie er scheint. Rückraumspieler und Psychologiestudent Fynn Nicolaus gibt Einblicke, was eine erfolgreiche Saison wirklich ausmacht – jenseits von Zahlen und Schlagzeilen.
„Wenn man gewinnt, entsteht natürlich eine Euphorie. Aber im Umfeld hat das oft mehr Gewicht“, sagt der 22-Jährige. Zwei Punkte – oder eben keine – zählen am Ende. Innerhalb der Mannschaft verschiebt sich der Blick: „Wir sehen ja viel mehr als nur das Spiel am Wochenende – das tägliche Training, wie sich Dinge entwickeln.“ Die positive Grundstimmung entsteht, wenn alles gut läuft – „aber eben nicht nur durch die Ergebnisse, sondern durch die gesamte spielerische Leistung.“
Seit 2024 spielt Nicolaus beim aktuellen Spitzenreiter der 2. Handball-Bundesliga. Vom Erstligisten TVB Stuttgart wechselte er vor zwei Jahren zum Aufsteiger SG BBM Bietigheim in die 1. Liga. Dort erlebte er eine hart umkämpfte Saison: Niederlagen, ein beeindruckender Saisonendspurt – und schließlich der Abstieg aus der stärksten Liga der Welt. Heute kämpft er gemeinsam mit Chefcoach Iker Romero darum, mit dem Team zurück in die 1. Liga zu kommen.
Doch Erfolg ist mehr als nur Tabellenplätze und Siege. Was nach außen wie ein Lauf wirkt, zieht sich intern subtiler, wie eine Art „Drive“, durch das Training und kleine Details, die nach außen hin kaum sichtbar sind. Gleichzeitig steht außer Frage, dass Siege tragen. „Am Ende bleibt es ein Ergebnissport“, stimmt der 22-Jährige zu.
Am emotional intensivsten behält er den Rückrundenauftakt gegen Dresden in Erinnerung. Das erste Spiel nach der Winterpause, kurz zuvor das gewonnene Weihnachtsderby gegen Balingen – und nach dem Sieg plötzlich Tabellenführer. Die Frage, ob eine solche Euphorie auch in die nächste Trainingswoche überschwappt, bejaht Nicolaus und lacht: „Das merkt man schon beim Aufwärmen. Nach einem Sieg dürfen wir Fußball spielen, nach einer Niederlage eher nicht.“
Gerade darin liegt jedoch auch eine der größten Herausforderungen einer erfolgreichen Saison: Euphorie trägt, kann aber auch verführen. „Nach solchen Spielen muss man sich wirklich zur Vorsicht mahnen“, warnt der Rückraumspieler mit Blick auf Duelle gegen direkte Konkurrenten. „Da musst du bei jedem Spiel bei dir bleiben, ansonsten wird das direkt bestraft.“
Trotz dieser Gefahren würde der gebürtige Stuttgarter Emotionen niemals komplett aus dem Spiel nehmen – auch nicht in entscheidenden Momenten, in denen oft „Fokus, Fokus, Fokus“ gepredigt werde. „Ohne Emotionen würde es in unserem Sport nicht gehen. Klar brauchst du zusätzlich eine Art Fokus und Ruhe, tatsächlich schließt das eine das andere aber nicht aus“, erklärt er. Emotionen sind entscheidend für die gesamte physische Komponente, also Körperlichkeit, Abwehr und auch Mentalität, während Fokus und Ruhe für Entscheidungen, schnelles Umspielen und Konzentration benötigt werden.
Fokus beschreibt er dabei als Vertrauen – darauf, dass man die Dinge abrufen kann, die man bereits unzählige Male trainiert hat. Automatismen, die greifen, wenn keine Zeit zum Nachdenken bleibt. „Wenn man nicht darüber nachdenkt, macht man meistens genau das, was man kann“, fasst der Rechtshänder den Idealfall zusammen. Er erinnert sich an die Schlusssekunden enger Spiele, in denen es für ihn darum ging, in der Abwehr den letzten gegnerischen Angriff zu verteidigen. Situationen, in denen beim bislang jüngsten Bundesliga-Debütanten die Abläufe sitzen: „Dann greifen bei mir total die Automatismen.“
Ganz ohne Gedanken funktioniert es trotzdem nicht. „Natürlich gibt es auch Momente, in denen die Gedanken anfangen zu kreisen und das Spiel hemmen. Manchmal pusht das aber auch, man kann das also nicht schwarz-weiß sehen“, relativiert er die Situation. Euphorie und Fokus stehen damit nicht im Gegensatz. Sie erfüllen unterschiedliche Rollen – und greifen im Idealfall ineinander.
Dass Nicolaus solche Themen reflektiert einordnet, kommt nicht von ungefähr: Er studiert Psychologie – während seiner Zeit beim TVB Stuttgart noch in Präsenz in Tübingen, inzwischen im Fernstudium. Einzelne Konzepte wie Atemübungen überträgt er dabei auf den Sportalltag, ansonsten sei er ironischerweise jedoch weniger an klassischer Sportpsychologie interessiert. Anstelle von einzelnen Techniken geht es ihm um eine Haltung, die das ganze Leben betrifft, nicht nur den Sport.
Auf die Frage, ob die mentale Komponente im Leistungssport generell unterschätzt werde, muss der Rückraumspieler kurz nachdenken. „Ja, ich denke schon“, beginnt er. „Ich glaube aber auch, dass viele eine falsche Vorstellung davon haben.“ Häufig werde Mentalität als Erklärung oder Ausrede herangezogen, wenn Spiele verloren gehen. „Dann hört man schnell, dass die Einstellung nicht gestimmt oder es mental gehakt hat. Ich kenne aber kaum einen Profisportler, der mir sagt ‚Ich will jetzt das Spiel verlieren‘.“ Der Versuch, Leistung eindeutig zu erklären, greift im Handball ohnehin zu kurz. Zu viele Faktoren spielen ineinander: Technik, Taktik, Zusammenspiel, Physis, Athletik – und eben auch das Mentale. „Ich checke von außen selbst oft nicht, warum eine Mannschaft besser spielt als eine andere“, gibt er zu.
Die mentale Komponente im Sportbereich ist für den Psychologiestudenten oft weniger spektakulär, als sie nach außen klingt. „Für mich ist das viel mehr eine grundsätzliche Einstellungssache“, baut er aus. „Gebe ich im Training Vollgas, auch schon im Aufwärmspiel? Haue ich mich da voll rein? Wie ist es im Abschlussspiel, wenn es theoretisch um nichts mehr geht, strenge ich mich da an, auch wenn es schon weh tut?“ Genau dort entstehe Mentalität – nicht erst am Spieltag.
Gerade diese im Alltag und Training erarbeitete Mentalität wird im Leistungssport aber auch häufig auf die Probe gestellt – sei es durch Erwartungen oder äußeren, teils frühzeitigen Druck. „Kaum gewinnt man zwei, drei Spiele, ist im Umfeld direkt Euphorie da, aber sobald du zwei, drei Spiele verlierst, kippt die Stimmung“, beschreibt Nicolaus die Dynamik, die im Leistungssport sportartunabhängig allgegenwärtig ist. Auch der Unterschied zwischen Abstiegskampf und Aufstiegsrennen – und damit zwischen der letzten und diesjährigen Saison – ist für ihn spürbar: „Wenn du oben bist, kannst du den Fahrtwind besser mitnehmen und hast viel in eigener Hand.“ Im Abstiegskampf dagegen gehe es mehr ums Reagieren, Kämpfen, um „dreckige Spiele.“ Beides fordert – aber auf unterschiedliche Weise.
Für Nicolaus ist diese Saison deshalb mehr als nur sportlich eine neue Erfahrung. Weg vom „im Schlamm wühlen“, wie er einen Großteil seiner bisherigen Karriere beschreibt, hin zu einer Mannschaft, die vorne steht und das Geschehen aktiv mitbestimmen kann.
Doch selbst aus dieser Perspektive bleiben viele Dinge schwer greifbar. Zu viele Faktoren greifen ineinander, zu viele kleine Entscheidungen entscheiden über Erfolg und Misserfolg. Vielleicht ist genau diese Vielschichtigkeit der Grund, weshalb Nicolaus seinem jüngeren Ich keinen konkreten Rat geben würde. „Einfach machen lassen“, sagt er. „Dem Schicksal und dem Absurden seinen Lauf lassen.“
